Lieber Opa.

Opa Helmut Schenk
Klein Wiebke auf dem Arm von Opa.

Heute ist es genau 23 Jahre her, dass Du nicht mehr bei uns bist. 23 Jahre, das sind fast zwei Drittel meines Lebens. Und trotzdem erinnere ich mich noch an so vieles und weiß  noch genau, wie es sich angefühlt hat, Dich zu umarmen. Mit Deinem weißen Hemd und dem braunen Pullunder. Und ich weiß auch noch genau, wie es damals war, am 13. Februar 1993.

Wir hatten Besuch, und ich habe geschlafen, als (damals für mich) mitten in der Nacht das Telefon klingelte. Ich bin kurz aufgewacht, und obwohl Du gesund warst, und es eigentlich keinen Anlass gab, war mein erster Gedanke "Ist was mit Opa?". Zwei Sekunden später war ich schon wieder eingeschlafen und hatte den Anruf fast vergessen, als morgens die Tür aufging und Papi mich ins Wohnzimmer holte, um mir zu sagen, dass Du für immer eingeschlafen bist.

Du bist im Keller gewesen und hast geschnitzt, eines Deiner liebsten Hobbys. Einen Bergmann hast Du noch fertig bekommen. Dann hattest Du plötzlich Bauchschmerzen. So stark, dass Oma den Notarzt gerufen hat. Du solltest Dich auf die Trage legen, aber mit Deinem Schenk'schen Dickkopf wolltest Du unbedingt zum Krankenwagen laufen. Hättest Du Dich doch überzeugen lassen.

Von Uropa erzählen.

Irgendwann sehen wir uns wieder - daran würde ich so gern glauben, auch wenn es mir ehrlich gesagt etwas schwer fällt.  Aber ich glaube, dass jemand immernoch da ist, so lange sich ein anderer an ihn erinnert. Deshalb werde ich Lene von Dir erzählen, damit sie weiß, wer ihr Uropa war. Und damit Du noch ein Stück länger bei uns bleibst.

Ich werde ihr erzählen, dass Du in Deinem Bastelkeller immer gern geschnitzt hast. Zum Beispiel den Bergmann, der an Deinem letzten Abend noch fertig geworden ist. Den ich so gern als Andenken haben wollte, und der jetzt bei uns im Regal steht und mich immer an Dich erinnert.

Oder dass Du so gern gesungen hast. Zum Beispiel vor dem Fernseher, wenn ein Männerchor aufgetreten ist. Was leider irgendwann nicht mehr so gut ging, weil Dein Kehlkopf Probleme gemacht hat. Dass ich in kindlich-grausamer Ehrlichkeit einmal gesagt habe, dass es nicht so schön klingt, tut mir bis heute leid, denn Du warst wirklich traurig.

Oder dass Du gern Fußball geschaut hast. In Deinem Fernsehsessel hast Du mitgefiebert, gejubelt, gemeckert und warst so im Spiel versunken, dass Du bei Torchancen am liebsten selbst geschossen hättest - Dein Bein hat auch häufiger mal gezuckt 🙂

Oder dass Du so tierlieb warst, dass Oma und Du häufiger Igel in der Gartenlaube aufgenommen haben. Und sogar eine kranke Dohle durfte bei Euch wohnen. Und Oma hat gern die Geschichte erzählt, dass Du nach dem Krieg ein Kaninchen gefangen hast. Und obwohl Ihr kaum etwas zu essen hattet, hast Du es nicht übers Herz gebracht, es zu schlachten.

Oder wie wir alle zusammen Pilze sammeln waren und Du mit leuchtenden Augen jeden kleinsten essbaren Fitzel mitgenommen hast. Oma hat beim Schnibbeln dann still und heimlich einige Reste verschwinden lassen, damit Du es nicht mitkriegst und traurig bist.

Ich werde ihr erzählen, wie wir alle zusammen bei Euch auf der Terrasse gesessen und gegrillt haben, wie Oma und Du an Eurem 50. Hochzeitstag gestrahlt habt, wie ich bei Euch übernachtet habe, wie wir zusammen auf dem Sportplatz waren, Du beim Fußball geflucht hast und so vieles mehr.

Opa, wir vergessen Dich nicht!

Dass es auch nach 23 Jahren noch so viele Erinnerungen gibt, finde ich wirklich schön und auch tröstlich. Denn das heißt ja, dass immer noch ein Teil von jemandem da ist, auch wenn er selbst es nicht mehr sein kann. Und ich bin mir sicher, ich werde mich noch lange an Dich erinnern. Und vielleicht sehen wir uns wirklich irgendwann wieder. Das wäre schön! Bis dahin denken wir weiter an Dich, denn eins ist klar: Opa, wir vergessen Dich nicht!

 

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Über Wiebke

In aller Kürze: Als Zweifach-Mama mag ich lieber Fußball statt Ballett, Bier statt Prosecco, Sneakers statt High Heels, Tarantino statt Titanic [obwohl so eine schöne Schnulze natürlich manchmal auch einfach sein muss :)], und ich hasse es, Schuhe zu kaufen. Davon abgesehen hänge ich an Hamburg, bin gern am Hafen, bei Konzerten im Stadtpark oder zum Mitfiebern im Volkspark – und all das am liebsten mit Kamera im Gepäck.